Stillförderung Schweiz

Fachtagung Bern

Freitag, 28. August 2015, Inselspital Bern 
 

 
«Muttermilch – was ist drin/dran?»

Dieses Jahr widmet sich der fachliche Beitrag zur Weltstillwoche den positiven Eigenschaften der Muttermilch und einigen wichtigen Einflussfaktoren. Gerne lädt die Stillförderung Schweiz zur interdisziplinären Tagung unter dem Titel «Muttermilch – was ist drin/dran?» ein.
Nebst Referaten freuen wir uns auch auf den fachlichen Austausch zwischen den Disziplinen.
Programm
An der Fachtagung in Bern konnten wir 71 Teilnehmende begrüssen. Davon haben 58 den Fragebogen ausgefüllt. Evaluation
Die  Fachtagung  wurde in Zusammenarbeit mit dem Inselspital Bern und der Unterstützung  des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen, Gesundheitsförderung Schweiz und Medela AG realisiert.
Wir danken allen Beteiligten. 
 

 

Abstracts und Folien der Referate:

Prof. Silvia Honigmann, dipl. Ernährungsberaterin FH, Stillberaterin IBCLC, Dozentin Berner Fachhochschule

Muttermilch oft kopiert - noch nicht erreicht

Die Muttermilch (MM) ist ähnlich wie alle Säugetiermilchen speziesspezifisch. Sie hat sich im Verlauf der menschlichen Evolution dem Säugling angepasst, um seine Ernährungs- und immunologischen Bedürfnisse zu decken. Sie bietet die optimale Grundlage für Wachstum und Entwicklung und sichert das Überleben des Säuglings.

Die Milchen der verschiedenen Säugetiere unterscheiden sich deutlich voneinander. Charakteristisch für den Menschen sind das langsame Wachstum und das große, komplexe Gehirn. MM liefert dafür Aufbau- und Reifungsstoffe in optimaler Menge.
Das Wissen um die Zusammensetzung und die biologischen Eigenschaften der Muttermilch ist für Fachpersonen bedeutsam, denn es bildet die wissenschaftliche Grundlage für Empfehlungen und professionelles Handeln im Rahmen der Begleitung von Mutter und Kind.

Der Vortrag bietet einen Überblick über die Makro- und Mikronährstoffe der Muttermilch und geht auf die bestehenden Unterschiede zu Säuglingsanfangsnahrung ein. Des Weiteren werden praxisrelevante Fragen, wie die Kosten der Milchnahrung im ersten Lebensjahr und die Beeinflussung der Zusammensetzung der Muttermilch durch die Ernährung der Mutter, erläutert.
Folien

Andrea Burch, Klinische Pharmazeutin i.A., Perinatale Pharmakologie Universitäts-spital Zürich

Medikamenteneinnahme während der Stillzeit: Weiterstillen, Stillpausen, Abstillen

Einführung
Stillen hat einen positiven Einfluss auf das kindliche Immunsystem und stärkt die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind. Erkrankt die Mutter, so dass eine medikamentöse Behandlung notwendig wird, herrscht oft Unwissen über den Nutzen für die Mutter bzw. die Risiken für das gestillte Kind u.a. durch fehlende Untersuchungen der Herstellerfirmen.

Stillen und Medikamenteneinnahme: eine Risikoabschätzung
Eine Medikamenteneinnahme in der Stillzeit stellt uns vor folgende Fragen: In welchem Mass gelangt das Medikament aus dem mütterlichen Blut in die Muttermilch bzw. ins Blut des gestillten Kindes und mit welchen Effekten ist beim Säugling zu rechnen?

Zur Risikoabschätzung der Einnahme eines Medikamentes in der Stillzeit stehen uns verschiedene Kennzahlen zur Verfügung. Beispielsweise macht der M/P-Quotienten eine Angabe zum Verhältnis der Medikamentenkonzentration in der Milch zu der im mütterlichen Plasma.
Die relative Dosis wiederum gibt die Medikamentendosis pro kg Körpergewicht des Säuglings, die der Säugling über die Muttermilch erhält, zur mütterlichen Dosis pro kg Körpergewicht der Mutter an. Bei vielen Medikamenten liegt die relative Dosis bei 10% oder weniger. Letztlich aber entscheidet der kindliche Organismus mit seiner Pharmakokinetik und –dynamik selber die Stärke der Wirkungen, wobei sich gewisse Funktionen innerhalb der ersten Lebenswochen erst noch entwickeln müssen (Leber-, Nierenfunktion; Blut-Hirn-Schranke).
Somit ist eine Nutzen-/Risikoabschätzung einer medikamentösen Therapie während der Stillzeit für jedes Medikament unumgänglich. Diese sollte immer unter Einbezug aller bekannten Informationen zum Medikament, dem Kind sowie der Mutter gemacht werden. Da die meisten Medikamente für die Stillzeit offiziell nicht geprüft bzw. zugelassen sind, haben die Daten aus der freien, klinischen Forschung eine sehr wichtige Bedeutung. Danach kann entschieden werden, ob ein Weiterstillen möglich ist oder ob die Milch während der Medikamenteneinnahme abgepumpt und verworfen oder – im strengsten Fall - ob abgestillt werden soll. Letzteres gilt für einige wenige Arzneigruppen, die die Gesundheit des gestillten Kindes gefährden (z.B. Opiate).

Schlussfolgerung
Die Muttermilch ist die ideale Ernährung für den Säugling. Mögliche unerwünschte Wirkungen beim gestillten Kind durch die mütterliche Einnahme von Medikamenten während der Stillzeit können durch Risikoabschätzungen vermieden werden. Unnötige Medikamenteneinnahmen während der Stillzeit sollen vermieden und einige wenige Kontraindikationen beachtet bzw. eingehalten werden.
Folien

Dr. phil II (P) Ana Paula Simões-Wüst, Perinatale Pharmakologie, Universitätsspital Zürich und Bereich Klinische Forschung, Klinik Arlesheim

Warum stillende Frauen von biologischer Ernährung profitieren

Neben der gut gesicherten Empfehlung für eine ausgewogene Ernährung steht die Frage nach der Qualität der Produktion von Nahrungsmitteln und deren Folgen für die Gesundheit erst am Anfang ihrer wissenschaftlichen Erforschung. Dennoch gibt es einige Ergebnisse, die berichtenswert sind und die in diesem Beitrag dargestellt werden sollen. Diese betreffen vor allem den Zusammenhang zwischen Nahrungsmitteln aus zertifizierter biologischer Produktion und dem Schutz vor Allergien wie auch mögliche Beiträge biologischer Ernährung für die Übergewichtsprävention.

Die Fettzusammensetzung der Muttermilch von stillenden Müttern kann als Qualitätsindikator angesehen werden. In einer Zusammenarbeit mit der Universität Maastricht wurde die Wirkung von Bioernährung mit derjenigen von konventionell erzeugten Produkten verglichen. Die Ergebnisse der Laboranalysen zeigten, dass je höher die Menge der Bio-Milchprodukte und/oder des Bio-Fleischanteils in der Ernährung der Mütter war, desto vorteilhafter wurde die Fettzusammensetzung ihrer Muttermilch (Rist et al. 2007). Diese enthielt daraufhin mehr konjugierte Linolsäure (und deren Vorstufe), welche Kinder vor Allergien und Ekzemen schützen kann (Thijs et al. 2011). Untersucht wurde auch, ob die biologische Ernährung die kleinen Kinder gesünder machen kann. Es zeigte sich, dass zweijährige Kinder, die biologische Milchprodukte bekamen und deren Mütter während der Stillzeit sich biologisch ernährt hatten, weniger Ekzeme entwickelten als vergleichbare Kinder mit konventioneller Ernährung (Kummeling et al. 2008).

Übergewicht, einer der Hauptrisikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen, verbreitet sich zunehmend in der westlichen Welt. Es wurde vermutet und untersucht, ob die so genannten „alternativen Lebensstile“, welche eng mit dem Verzehr biologischer Nahrungsmittel gekoppelt sind, vor Übergewicht schützen können. Im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Universität Maastricht wurden diesbezüglich verschiedene Gesundheitsparameter der Mütter betrachtet: Körpergewicht vor und zirka 4 Jahre nach der Schwangerschaft, Gewichtszunahme während der Schwangerschaft, Körpergrösse, Blutdruck. Es zeigte sich, dass die Frauen der Gruppe mit einem alternativen Lebensstil einen niedrigeren Body-Mass-Index(BMI) und eine geringere Prävalenz von Übergewicht und Adipositas aufwiesen als die Frauen der Gruppe mit einem konventionellen Lebensstil (Simões-Wüst et al. 2013). Diese Unterschiede blieben auch nach Berücksichtigung potentieller Störfaktoren statistisch signifikant. Darüber hinaus wurde in der Milch der sich biologisch ernährenden Mütter ein niedriger Anteil von Transfettsäuren festgestellt, die für teilgehärtete pflanzliche Öle typisch sind und unter Verdacht stehen, das Risiko für Herz/Kreislauferkrankungen zu erhöhen (Müller et al. 2010).

Aus mehreren zusammenhängenden Auswertungen stammenden Erkenntnisse zeigen, dass stillende Mütter durch eine biologische Ernährung etwas für die Gesundheit ihrer Kinder tun können. Dass ihre eigene Gesundheit davon profitiert erscheint als eine sehr angenehme Nebenwirkung.
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